Über Ängste spricht man nicht

Über Ängste spricht man nicht

Den Großteil meines Lebens beschäftigte mich die Frage: „Wie sehen mich die anderen?“ Und zwar so sehr, dass ich die Wirklichkeit um mich herum gar nicht mehr mitbekommen habe. Heute kenne ich den Auslöser für mein Verhalten. „Die Angst vor Ablehung.“

Natürlich ging in meiner Kindheit etwas schief. Dafür habe ich meinen Eltern auch lange Zeit Vorwürfe gemacht. Verändert hat das natürlich nichts, außer alles nur noch schlimmer. Doch ich spürte immer diesen Druck. Den Druck, besser sein zu wollen.

Dieser Antrieb lies mich auch immer wieder Dinge über das Normalmaß hinaus tun. Ich ging über meine Grenzen, immer wieder und brauchte danach oft eine Auszeit. Bereits in der Schule schwankte ich zwischen 1er- und Wiederholungs-Kandidat.

Meinen ganzes Leben verlief am Limit. Meine Ausbildung, mein Beruf, meine Beziehungen und meine Freizeit-Gestaltung; einfach alles. Immer um Vollgas und Vollbremsung:

  • 70-80 Stunden / Woche -> krank
  • niemals nein sagen können und allen Menschen helfen wollen -> Tauchstation
  • mit 130kg im Übergewicht -> 79kg ins Untergewicht
  • viel Unterwegssein -> nur noch daheim bleiben
  • etc.

Den Mittelweg erkannte ich nicht, das Hamsterrad lief und ich war viel zu beschäftigt. (hat ein bisschen was von einer manischen Depression)

Selbst nach dem Tod meines Vaters, dem Auseinanderbrechen der Beziehung mit meinem Ex-Mann und der totalen Erschöpfungsphase, war mir nicht klar, was hier eigentlich passiert und warum. Der Tunnel fühlte sich immer enger an und ich beschleunigte immer weiter.

 

Dann passierte etwas…

Es dauerte zwei Jahre, in denen ich mich ein bisschen abkühlen konnte. Das war nötig um zu erkennen, dass hier irgendetwas falsch läuft. Ich bekam die Möglichkeit für drei Monate in Peking zu arbeiten. Dieser Abstand zu Allem lies mich Vieles aus einem ganz andern Blickwinkel betrachten.

Plötzlich war die Frage nicht mehr, wer ich gern wäre, sondern: Wer bin ich?

Und je mehr Menschen mir über den Weg liefen, die sich für mich als Menschen interessierten, desto stärker wurde auch mein Wunsch nach Veränderung. Ich traf Entscheidungen, die mein Leben beeinflussten. Zurück aus China beendete ich meine damalige Beziehung und zog nach München um. Ich wollte raus aber immer noch die Möglichkeit, zurück-zu-kehren.

Ich war allein und konnte das erste Mal lernen mich selbst zu spüren. Bis zu drei Dates pro Woche halfen mir, Menschen und mich, meine Emotionen und mein Verhalten kennenzulernen.

Mit der Zeit bekam ich ein Gefühl dafür, wo sich Muster eingeschlichen haben mit denen ich mich immer wieder selbst zu überlisten versuchte: Kompensation der Angst vor Ablehnung durch übertriebene Leistungsbereitschaft oder gespieltes Selbstbewusstsein.

Auf Arbeit kam ich glücklicherweise noch mit dem Diversity-Thema in Berührung und erkannte schnell, dass es auch hier darum ging, Mensch sein zu dürfen. Also genau mein Thema.

 

Ich wurde sicherer…

Viele Menschen, denen ich begegnet bin halfen mir aus den alten Mustern herauszukommen. Ich konnte erkennen, wie ich wirkte oder wie Menschen und Situationen auf mich wirkten. Und mit der Zeit wurde das Reflektieren zu einer Selbstverständlichkeit.

Alle Lösungsansätze wie Wegreden, Unterdrücken, Versuch-des-Positivsehens, etc. gingen schief. Sie sind nicht ehrlich und genau darin liegt ja das ursprüngliche Problem: man ist nicht ehrlich zu sich selbst.

Natürlich gab es immer wieder Rückschläge und Ängste um mich herum haben mich auch immer wieder angesteckt und mitgerissen. Es lohnt sich, dran zu bleiben und geduldig mit sich selbst zu werden.

 

Wo weichst Du Deiner Angst aus und machst Dir was vor?

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