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Monat: Februar 2017

Über Ängste spricht man nicht

Über Ängste spricht man nicht

Den Großteil meines Lebens beschäftigte mich die Frage: „Wie sehen mich die anderen?“ Und zwar so sehr, dass ich die Wirklichkeit um mich herum gar nicht mehr mitbekommen habe. Heute kenne ich den Auslöser für mein Verhalten. „Die Angst vor Ablehung.“

Natürlich ging in meiner Kindheit etwas schief. Dafür habe ich meinen Eltern auch lange Zeit Vorwürfe gemacht. Verändert hat das natürlich nichts, außer alles nur noch schlimmer. Doch ich spürte immer diesen Druck. Den Druck, besser sein zu wollen.

Dieser Antrieb lies mich auch immer wieder Dinge über das Normalmaß hinaus tun. Ich ging über meine Grenzen, immer wieder und brauchte danach oft eine Auszeit. Bereits in der Schule schwankte ich zwischen 1er- und Wiederholungs-Kandidat.

Meinen ganzes Leben verlief am Limit. Meine Ausbildung, mein Beruf, meine Beziehungen und meine Freizeit-Gestaltung; einfach alles. Immer um Vollgas und Vollbremsung:

  • 70-80 Stunden / Woche -> krank
  • niemals nein sagen können und allen Menschen helfen wollen -> Tauchstation
  • mit 130kg im Übergewicht -> 79kg ins Untergewicht
  • viel Unterwegssein -> nur noch daheim bleiben
  • etc.

Den Mittelweg erkannte ich nicht, das Hamsterrad lief und ich war viel zu beschäftigt. (hat ein bisschen was von einer manischen Depression)

Selbst nach dem Tod meines Vaters, dem Auseinanderbrechen der Beziehung mit meinem Ex-Mann und der totalen Erschöpfungsphase, war mir nicht klar, was hier eigentlich passiert und warum. Der Tunnel fühlte sich immer enger an und ich beschleunigte immer weiter.

 

Dann passierte etwas…

Es dauerte zwei Jahre, in denen ich mich ein bisschen abkühlen konnte. Das war nötig um zu erkennen, dass hier irgendetwas falsch läuft. Ich bekam die Möglichkeit für drei Monate in Peking zu arbeiten. Dieser Abstand zu Allem lies mich Vieles aus einem ganz andern Blickwinkel betrachten.

Plötzlich war die Frage nicht mehr, wer ich gern wäre, sondern: Wer bin ich?

Und je mehr Menschen mir über den Weg liefen, die sich für mich als Menschen interessierten, desto stärker wurde auch mein Wunsch nach Veränderung. Ich traf Entscheidungen, die mein Leben beeinflussten. Zurück aus China beendete ich meine damalige Beziehung und zog nach München um. Ich wollte raus aber immer noch die Möglichkeit, zurück-zu-kehren.

Ich war allein und konnte das erste Mal lernen mich selbst zu spüren. Bis zu drei Dates pro Woche halfen mir, Menschen und mich, meine Emotionen und mein Verhalten kennenzulernen.

Mit der Zeit bekam ich ein Gefühl dafür, wo sich Muster eingeschlichen haben mit denen ich mich immer wieder selbst zu überlisten versuchte: Kompensation der Angst vor Ablehnung durch übertriebene Leistungsbereitschaft oder gespieltes Selbstbewusstsein.

Auf Arbeit kam ich glücklicherweise noch mit dem Diversity-Thema in Berührung und erkannte schnell, dass es auch hier darum ging, Mensch sein zu dürfen. Also genau mein Thema.

 

Ich wurde sicherer…

Viele Menschen, denen ich begegnet bin halfen mir aus den alten Mustern herauszukommen. Ich konnte erkennen, wie ich wirkte oder wie Menschen und Situationen auf mich wirkten. Und mit der Zeit wurde das Reflektieren zu einer Selbstverständlichkeit.

Alle Lösungsansätze wie Wegreden, Unterdrücken, Versuch-des-Positivsehens, etc. gingen schief. Sie sind nicht ehrlich und genau darin liegt ja das ursprüngliche Problem: man ist nicht ehrlich zu sich selbst.

Natürlich gab es immer wieder Rückschläge und Ängste um mich herum haben mich auch immer wieder angesteckt und mitgerissen. Es lohnt sich, dran zu bleiben und geduldig mit sich selbst zu werden.

 

Wo weichst Du Deiner Angst aus und machst Dir was vor?

LSBT Diversity – Wo klemmt’s?

LSBT Diversity – Wo klemmt’s?

Offenheit – Ein Spiegel der Kultur

LSBT* leben immer dort offen, wo sie keine Angst haben müssen, benachteiligt zu werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Familie, einen Ort, eine Firma oder ein Land handelt. Diese „Organisationen“ liefern lediglich den Raum in dem bei fehlender Offenheit Nachteile zu befürchten sind: Ignoranz, Ausgrenzung, Nicht-Beförderung, Verstoßen oder sogar Bestrafung.

 

Was heißt das für Firmen?

In vielen Firmen gibt unter LGBT* Mitarbeitern die Befürchtung, nach einem Coming Out als „nicht systemkonform“ zu gelten und Benachteiligung zu erleben. Was sind hierfür Indikatoren? Wie viele offen geoutete Führungskräfte oder TopManager gibt es in Ihrem Unternehmen?

Viele Firmen haben bereits erkannt, dass in ihrer Unternehmung eine Kultur herrscht, die das eigene System träge, unflexibel und alles andere als innovativ erscheinen lässt. Diversity und Kulturprogramme stehen deshalb ganz oben auf der Liste strategischer Themen um hier einen Wandel zu bewirken.

Leider beobachte ich häufig, dass dieser gut gemeinte Ansatz nicht oder nur im geringen Maße zum Ziel eines offenen Umgangs miteinander und somit einer offenen Unternehmenskultur führt. Die meisten Firmen übersehen bei all der Euphorie für eine neue Kultur einen wesentliche Aspekt: die bestehende Kultur. Und die lässt sich nicht einfach mal so wegreden oder austauschen.

 

Was ist genau das Problem?

Die bestehende Kultur beinhaltet Punkte wie „keine Schwäche zeigen“, „ich will Lösungen und keine Probleme“, „immer wissen, was passieren wird“, „effizient und effektiv bedeutet dass man die Kosten schon im Vornherein definiert“, „Widersprüche in der hierarchischen Befehlskette sind unerwünscht“.

Und genau in dieser Haltung gehen die meisten Firmen dann auch die Kulturänderungen an. Sie versuchen

  • eine neue Offenheit immer wieder betonen
  • engagierte LSBT* Mitarbeiter maximal für Außenwerbe-Zwecke einzusetzen
  • Ängste kleinzureden

Wo sind aber die Maßnahmen und Beispiele, die die Angst vor persönlichen Nachteilen bewusst aushebeln? Woran können „Betroffene“ erkennen, dass es nicht nur Gerede, sondern Ernst gemeint ist? Durch weiteres wiederholen des bereits gesagten?

 

Wie erging es mir persönlich?

Als schwuler Mann, der mit 19 zu Hause rausgeflogen ist und eine „Ehe“ verloren hat, war ich immer auf der Suche nach mir selbst… also nachdem, wer ich wirklich sein will. Dabei habe ich mich, wie ich war, wie ich bin, stets abgelehnt. Dies war jedoch genau mein Fehler, denn ich bin schließlich, wie ich bin.

Erst diese fundamentale Erkenntnis gab mir die Möglichkeit, mich zu verändern, denn zunächst musste ich mit mir ins Reine kommen und mich selbst verstehen. Meine ständige Ablehnung hatte es dabei nur noch schlimmer gemacht, mich selbst und wer ich bin zu akzeptieren.

Wenn wir davon ausgehen, dass Gemeinschaften (Familien, Orte, Firmen, etc.) nur die Summe von Individuen sind, dann könnte doch der Weg aus dem ständigen auf der Stelle treten sein, dass wir damit anfangen, uns einzugestehen, wer wir heute sind und wie es dazu kam.

Und dabei geht es nicht darum zu jammern oder schlechtzureden, sondern um die absolute Ehrlichkeit zu uns selbst. Denn um die geht es doch, wenn wir von einer Kultur der Offenheit predigen, oder?

 

Wie kann also Glaubwürdigkeit entstehen?

Firmen, die davon betroffen sind, können ausgehend von meiner persönlichen Erfahrung ganz einfach den ersten Schritt hin zu einem Kulturwandel beginnen:

  1. Offenheit: Analysieren Sie unvoreingenommen und ehrlich die aktuelle Situation und Kultur in Ihrem Unternehmen.
  2. Vorleben: Befördern Sie dabei auch Menschen, die anders sind als der in Ihrer Firma bevorzugte Managertyp, ganz bewusst in Positionen, die von der Gesamtheit gut wahrgenommen werden können. Damit wird klar, dass Sie es ernst mit einem Wandel meinen.
  3. Einbinden: Arbeiten Sie an den Kulturthemen und binden Sie die „Betroffenen“ aktiv mit ein. Machen Sie sie zum Teil der Lösung, damit sie Gestalter werden.
  4. Barrieren abbauen: Sprechen Sie aktiv über die Ängste. Nur so können diese überwunden und Verständnis geschaffen werden. Kleinreden, Abtun oder gar falsche Stärke sind hier fehl am Platz und führen nur ins Gegenteil.

 

Alles andere ist so tun als ob. Dafür hab ich mich nicht geoutet.

Warum sollten es dann andere tun?

 

*LSBT steht hier für alle sexuellen Orientierungen und geschlechtliche Identitäten (WIKIpedia)

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